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URL:https://syntopia.info/events/vortrag-no-borders-kitchen/
SUMMARY:Vortrag No-Borders-Kitchen
DESCRIPTION:\n\nDa sitze ich also nun in einem A-320 mit Reiseziel Thessalo
 niki. Die\nanderen Menschen in dem Flieger sind mehrheitlich Griechen.\nMi
 ttlerweile ist Düsseldorf unter der Wolkendecke verschwunden\nund ich sch
 webe vier ungewissen Wochen auf Lesbos entgegen.\nDanach werde ich wissen 
 ob es eine gute Idee war\, sich der\n‚\nNo\nBorder Kitchen\n‘\nangesch
 lossen zu haben. Ich hatte schon seit\neiniger Zeit darüber nach gedacht 
 mich mit den Themen Flucht und\nVertreibung fotografisch zu befassen.\nDie
  Insel ist durch die Medien in unserer Wahrnehmung zum\nBrennpunkt menschl
 icher Dramen geworden\, so das ich mich fragte\nob es wohl möglich ist\, 
 die Gleichzeitigkeit von beschaulicher\nFerieninsel und Flüchingsdrama ei
 nzufangen.\nDer letztendliche Anstoß kam von meiner Freundin Yetta\, die 
 einen\nVortrag über ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe auf Lesbos ei
 nen\nVortrag hielt. Durch den Kontakt zu ihr habe ich Zugang zu den\nStruk
 turen auf der Insel gefunden.\nSie gab mir den Hinweis\, mich bei\n‚\nRe
 spekt für Griechenland\n‘\num\neinen Schlafplatz in einem Appartement a
 uf der Insel zu bewerben.\nMan bietet dort Zugang als Volontär für versc
 hiedene Projekte.\nIch hatte mich mit Yetta darüber verständigt das ich 
 in ihrer\nAbwesenheit die Küche der\n‚\nNo Border Kitchen\n‘\norganis
 ieren würde.\nSie selbst hatte sich für den Zeitraum meines Aufenthalts 
 für einen\nEinsatz auf der\n‚\nJuwenta\n‘\nbeworben\, einem von\n‚\
 nJugend Rettet\n‘\ngecharterten Fischkutter der vor den Hoheitsgewässer
 n Lybiens\nMenschen aus Seenot rettet. Sie würde einen Tag nach meiner\nA
 nkunft die Insel Richtung Malta verlassen.\nAbgesehen von diesen Eckdaten 
 hatte ich erst mal keine Ahnung\nvon dem was mich auf Lesbos erwarten wür
 de.\nVorerst setzte der Flieger zur Landung in Thessaloniki an. Dort wü\n
 rde ich in ein paar Stunden einen Anschluss nach Lesbos haben.\nSchon bevo
 r das erste Rad der Maschine das Rollfeld berührte\nbegannen die Leute fr
 enetisch zu applaudieren. Vielleicht war es ja\ndie erste erfolgreiche Lan
 dung im Leben unseres Piloten\n...\nDer Flughafen Thessaloniki sieht ein b
 isschen aus als wenn jemand\ndas Borussia-Stadion zu einem Terminal umgeba
 ut hätte. etwas\nkleiner als der Dortmunder Flughafen verstrahlt er sehr 
 den Charme\neines ehemaligen Militärflughafens. Entlang der Landebahn ste
 hen\nbetonierten Unterstände für Düsenjets. Zur Zeit sind sie leer.\nIc
 h hatte ein paar Stunden Aufenthalt bis zu meinem Anschlussflug.\ndie verb
 rachte ich in der anheimelnden Atmosphäre der\n\n\n\n\n\n\nFlughafenkanti
 ne in unmittelbarer Nähe einer Steckdose mit meinem\nLaptop\, immer ein A
 uge auf den Bildschirm mit den Abflugzeiten.\nAls mich eine SMS der Olympi
 c-Air erreichte das ich jetzt bald\neinchecken könne war mein Flug noch n
 icht gelistet.\nSicherheitshalber schleuste ich mich aber schon mal durch 
 den\nSicherheits-Check und nahm am Abflugterminal Platz. Der Flug\nwurde d
 ort bereits auf dem Bildschirm angezeigt - allerdings ohne\nAbflugzeit.\nA
 ls Mitarbeiter der Olympic am Schalter Stellung bezogen machte\nsich ein a
 lter Mann daran die Kollegen daran zu erinnern\, das sein\nFlug nach Lesbo
 s jetzt doch einchecken müsse. Auch als die\nMitarbeiterin ihm erklärte 
 das die Maschine aktuell verspätet am\nFlughafen eintreffen würde und ma
 n daher noch eine Weile warten\nmüsse\, hörte er nicht mit seinem Lament
 o auf.\nNeben mir saß eine Mitreisende des Mannes - seine Tochter. Das\nV
 erhalten ihres Vaters war ihr peinlich. Sie erzählte mir das ihm in\nsolc
 hen Situationen seine Demenz sehr zu schaffen mache - und\nseinem Umfeld g
 leich mit. Sie währe unendlich froh wenn sie endlich\nin ihrem Ferienhaus
  angekommen seinen\, da dann auch die Unruhe\ndes Mannes verschwinden wür
 de.\nWir kamen über die Zeit ins Gespräch und tauschten uns darüber\nau
 s warum wir auf die Insel fliegen. Als sie von meinem\nbevorstehenden Enga
 gement hörte\, erzählte sie mir von einer Nacht\nim Jahr 2015 als sie pl
 ötzlich den Garten ihres Ferienhauses voller\ndurchnässter Menschen steh
 en hatten. Sie hätten damals versucht\nmit allem was sie dort vorrätig h
 atten den Leuten zu helfen\, denn\nexterne Hilfe war damals nicht verfügb
 ar gewesen - die Flü\nchtlingswelle hatte begonnen und überall an den St
 ränden der Nord-\nund Ostküste von Lesbos landeten Menschen mit Schlauch
 booten\nund anderen\, kaum seetüchtigen Fahrzeugen an. Es sollten nicht d
 ie\nletzten nächtlichen Gäste gewesen sein und die Not der Menschen\nhab
 e sie sehr berührt.\nIhr Sohn\, der damals mit auf der Insel war sammle h
 eute Kleidung in\nDeutschland um in regelmäßigen Abständen einen Contai
 ner mit\nHilfsgütern auf die Insel zu schicken.\nInzwischen war unsere Ma
 schine gelandet. Sie stand in Sichtweite\ndes Terminals und wurde gerade e
 ntladen und für den Anschlussflug\nfertig gemacht. Es hatten sich ein paa
 r mehr Menschen um den\nVater meiner Gesprächspartnerin geschart und rede
 ten auf die\nFlughafenmitarbeiterin ein\, wie eilig sie es doch hätten un
 d das es\n\n\n\n\n\njetzt doch bald los gehen müsse.\nIch bewunderte im S
 tillen die geradezu stoische Gelassenheit mit\nder diese Frau den Leuten i
 mmer und immer wieder erklärte das die\nMaschine erst eingecheckt werden 
 könne wenn sie komplett\nvorbereitet sei und das man heute auf jeden Fall
 \, wenn auch mit\nVerspätung\, nach Lesbos fliegen würde.\nAls wir einch
 eckten wurde mir bewusst wie klein die Maschine war -\nauf beiden Seiten d
 es Gangs waren je zwei mit verschossenem\nLeder bezogene Sitzreihen angeor
 dnet und boten insgesamt 40\nMenschen Platz.\nMan hatte für diesen Flug n
 icht zufällig auffällig kleine\nMitarbeiterinnen ausgewählt. Sie konnte
 n in der Maschine aufrecht\ngehen während ich selbst mir auf meinem Wg zu
 m Sitz wie der Glö\nckner von Notre Dame vor kam.\nIch hatte einen Fenste
 rplatz direkt am Flügel bzw. neben einem der\nMotoren. Ich mag Propellerf
 lugzeuge und erfuhr aus dem\nBordmagazin das es sich um eine DHC-8 von Bom
 bardier handelte.\nWie ich kurze Zeit später merken sollte machte dieses\
 , aus den\nachtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammende\nFlugze
 ug keinerlei Geheimnis aus seiner Arbeit.\nDie beiden Turboprop-Triebwerke
  machten einen derartigen Lärm\ndas ich mich nicht nur wegen der Sprachba
 rriere mit meiner\nSitznachbarin hätte unterhalten kö\nnnen\n- es sei de
 nn\, durch\nAnschreien oder Zuschieben kleiner Notitzzettel.\nUm so bewund
 ernswerter waren da die Stewardessen die sich beim\nAusteilen von Snacks u
 nd Getränken bei der Kommunikation\ndeutlicher Gesten und Gesichtsmimik b
 edienten.\nWä\nhr\nend ich noch ihre quasi lautlosen Angebote bestaunte b
 egann\nder Flug sehr unruhig zu werden. Wir waren in ein Gewitter geraten\
 nund die Maschine schüttelte sich als wolle sie uns alle los werden. So\n
 wie die Motoren jetzt heulten hatte der hatte hörbar mit der\nWetterlage 
 zu kämpfen. Zwei mal sackte die Maschine nach unten\nso das es mich aus d
 em Sitz hob. Ich habe keine Ahnung wie unter\ndiesen Umständen die Stewar
 dessen ihren Saftwagen unter\nKontrolle hielten- sie blieben jedenfalls au
 ffällig gelassen und\nverteilten zur Sicherheit nur noch halb gefüllte B
 echer.\nMeine Nachbarin hatte kein Interesse an einem Getränk. Während\n
 draußen die Blitze zuckten starrte sie in ihrem Flugmagazin\nverbissen di
 eselbe Seite an. Der Regen fiel jetzt so dicht das man\ndas Triebwerk am F
 lügel nicht mehr sehen konnte.\n\n\n\n\n\nAls endlich der Landeanflug auf
  Lesbos kam zwangen starke Bö\nen\ndas Flugzeug zu deutlichen Ausgleichbe
 wegungen. Mit einem rü\nden\nHopser setzte der Flieger endlich auf der La
 ndebahn von Lesbos\nauf.\nKomisch - dieses mal wollte niemand Klatschen\, 
 dabei hätte es die\nLeistung des Piloten wirklich gerechtfertigt. Als die
  Motoren\nerstarben verließen alle wortlos die Maschine. Die Stewardessen
 \nverabschiedeten uns mit einem Gesichtsausdruck als sei es ein vö\nllig 
 normaler Flug gewesen.\nIch war froh als mein Koffer mich wieder gefunden 
 hatte und wir\nzusammen aus dem kleinen Terminal auf die Straße traten.\n
 Yetta hatte geduldig auf mich gewartet und wir fuhren zur Wohnung.\nUnser 
 Appartement wirkt so als wenn es irgendwann in den siebziger\nJahren einge
 schlafen und vergessen worden sei. Es bietet Platz fü\nr\nbis zu zehn Per
 sonen. Allerdings war niemand dort als wir eintrafen.\nNach und nach trafe
 n die Bewohner von der Tätigkeit in den\nverschiedenen Projekten ein. Ein
 e bunt gewürfelte Truppe mit einem\ndeutlichen Überhang von Menschen aus
  dem Ruhrgebiet.\nWir essen und trinken miteinander und jeder erzählt etw
 as von\nseinem Tag - diese Masse an bunten Informationen kann ich nach\nde
 m Flug erst mal nicht verarbeiten - vielleicht geht das besser nach\neiner
  Mütze Schlaf\n...\nEs ist warm auf Lesbos - und hell - und sie haben dor
 t wirklich laute\nMotorräder\, die alle unter meinem Fenster vorbei fahre
 n. Von was\nhabe ich eigentlich diesen Schädel? So viel Ouzo war das doch
 \ngestern Abend gar nicht\n...\nAls ich in der Küche ankomme ist dort sch
 on Marina zugange. Der\nKaffee kocht schon und sie hat beim Bäcker in der
  Stadt Brötchen\nund Olivenbrot besorgt. Sie nennt es\n‚\nihren Beitrag
  zum WG-Leben\n‘\n.\nBesonders die Olivenbrote sind ein toller Beitrag -
  die Teile haben\ndas Format einer platt gefahrenen Brötchens aus dunklem
  Teig mit\nreichlich Olivenstückchen drin - sie sollten für die kommende
 n\nWochen fester Bestandteil meiner Einkaufsliste werden.\nMein erster Tag
  auf der Insel war sehr verwirrend - Marina kurvte mit\ndem Wagen durch di
 e chaotisch voll gestopften Einbahnstraß\nen\nMytilinis und bewies überi
 rdisches Können auf dem überfüllten\nParkplatz vorm Supermarkt. Mit ver
 schiedenen Zwischenstops bei\nGemüsehändlern Squats (1) fuhren wir zur K
 üche raus.\nUnsere Route führte uns an Moria vorbei - das ist das Hauptl
 ager fü\nr\n\n\n\n\n\nFl\nüchtlinge. etwa 10 Kilometer außerhalb von My
 tilini an einer\nNebenstraße gelegen.\nWenn man sich dem Lager nähert wi
 rd es eng auf der Straße. Auf\nbeiden Seiten parken die Autos der in dem 
 Lager Beschäftigten und\nein Polizeibus. Es stehen reichlich mit schusssi
 cheren Westen\nbekleidete Polizisten aber noch viel zahlreicher Flüchtlin
 ge zwischen\nden parkenden Wagen und vor dem Eingang zum Lager. Sie warten
 \nauf den Bus oder eine andere Mitfahrgelegenheit.\nIn der schnellen Vorbe
 ifahrt sehe ich nur Stacheldraht und reichlich\ngraue Wohncontainer. Was e
 s mit der Unterbringung der Flüchtlinge\nauf Lesbos auf sich haben sollte
  würde ich noch lernen.\nNach einer Weile sind wir bei der Küche angekom
 men. Das Gebä\nude hatte früher eine andere Funktion und stand lange lee
 r. Sein\nBesitzer ist froh\, das er in der aktuellen Immobilienkrise so\na
 nspruchslose Mieter gefunden hat. Das Gebäude genügt\nniedrigsten Standa
 rds. Wir haben dort fließendes Leitungswasser\nund Abwasseranschluss. Str
 om und Heizung gibt es nicht. Es hat\nzwei Räume - einer wird als Lager f
 ür die Lebensmittel und einer als\nKüche genutzt. Wegen der fehlenden K
 ühlung\, aber auch aus\nfinanziellen Gründen kocht\n‚\nNo Border\n‘\
 nvegan.\nMarina wird sich in den zehn Tagen bis zu ihrer Abreise um meine\
 nEinarbeitung kümmern. Ich muss wissen wo unsere Händler sind\,\nwer wie
  arbeitet\, auf welchen Wegen wir uns bewegen und wie man\nsich auf der In
 sel in verschiedenen Situationen verhält.\nDer Betrieb erinnert sehr an d
 ie Küche in einem Zeltlager. Die Köche\nsind Menschen aus der Community 
 der Flüchtlinge. So wird sicher\ngestellt das der Geschmack in etwa den d
 er Zielgruppe trifft. Wir\nproduzieren etwa 200 Mahlzeiten pro Tag auf nie
 drigstem\ntechnischen Niveau. Es handelt sich immer um eine Art Eintopf de
 r in\ngroßen Kaffeebechern aus Pappe abgefüllt mit Deckeln versehen\nvon
  uns zum\n‚\nKunden\n‘\ngefahren wird. Wenn der Gemüsehändler uns\ng
 ern hat gibt es auch noch Salat dazu. Zusammen mit Obst und\nWasser in Fla
 schen stellt es die Basisversorgung für etwa 150 dar\ndie teilweise keine
 n Zugang zu sauberem Trinkwasser oder Kochmö\nglichkeit haben.\nFür Mens
 chen die selber Kochen stellen wir zwei mal die Woche\nKochkisten mit fris
 chem Gemüse zusammen.\nInsgesamt versorgen die Küche so 300 Menschen mit
  Nahrung.\nDas Ganze läuft wegen der unterschiedlichen Essgewohnheiten\nn
 ach einem auf den ersten Blick komplexen System. Listen\n\n\n
END:VEVENT
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